Ostererfahrung

Der Tod in seinen schrecklichen Formen ist alltäglich, die Ostererfahrung ist es aber auch.
Nicht der Tod am Ende des Lebens ist schrecklich, wohl aber der Tod mitten im Leben. Der Tod am Ende trägt trotz aller Grauen, die ihn begleiten, ein Signum der Ruhe und Erlösung an sich. Das Leben ist gelebt. Die einen geben es zurück ins Nichts, die anderen in die Hände Gottes oder in die Erinnerung der Nachkommen. Wieder andere rechnen damit, dass sie wiedergeboren werden und eine neue Runde durch die Arena des Lebens drehen können. Der Vorstellungen und Deutungen dieses Endes sind ja viele.
Kaum zu ertragen, beklemmend, lähmend und in die Verzweiflung treibend sind die Tode mitten im Leben:
das Zerbrechen der eigenen Lebensperspektiven;
das Schuldigwerden;
die Erkenntnis, nur gebraucht und nicht geliebt zu werden;
die Entdeckung der Leere eines mit reiner Aufopferung für die Arbeit erfüllten Lebens;
das Zerbrechen einer Beziehung;
die Ausgrenzung und die Verdrängung ins dunkle soziale Abseits.

Viermal habe auch ich selbst den Tod mitten im Leben durchlitten. Viermal lieferte ich mich selber in die psychiatrische Klinik ein. Und jedes Mal die gleiche Diagnose: Depression: Ich war am Ende, im Dunkel, ohne Hoffnung und Zuversicht. Das Warten auf eine Besserung meines Gemütszustandes war unerträglich lange. Wie oft wollte ich dieses Warten abbrechen, hatte genug von allem wollte nicht mehr. Ich spürte, wie Freunde verstummten, mich mieden und nur noch meine Frau fragten, wie es mir denn gehe. Entmündigt haben sie mich.
Und auch nach dem jeweiligen Ausstieg aus der Klinik blieb ich vielen fremd. Sie hielten mich für unzuverlässig, weil ja die Krankheit wieder zurückkehren könnte und ich dann ganz unmöglich würde. Einen psychisch angeschlagenen Theologen hielten einige Gläubige für unzumutbar.
Viermal wurde ich wieder auferweckt, kehrte ins Leben zurück und erlebte Ostern….(…)
Das Gebet hat wenig geholfen. Es war mir gar nicht mehr möglich. Ich bin auch aus der Welt des Religiösen herausgefallen. Viermal habe ich Ostern erlebt. Es ist eine tief in meine Abgründe hineinwirkende Erfahrung. Deshalb habe ich keine Angst mehr vor einer weiteren Krise, auch wenn ich inbrünstig hoffe, dass sie nicht kommt. Denn ich weiß, dass auch sie ein Ende hätte in einem nächsten Ostern.
Und so erfüllt mich große Dankbarkeit jenen Menschen gegenüber, die mir aufhalfen; aber auch Gott gegenüber, der mir mitten in den Krisen entschwand und sich dennoch als der erwies, der mich durch alles hindurchtrug. Ostern ist so mitten im Leben wirksam. Auferweckung meint nicht bloß ein Ereignis nach oder besser im Tod des Menschen. Jesus von Nazareth verkündete das „Reich Gottes“ als eine Verheißung, die auf uns zukommen wird. (…) Deshalb ist Ostern, das ich im Alltag erlebe, und das Ostern der Befreiung in meinem Tod nur ein vorläufiges Ostern. Erst wenn alle, eben auch alle Geschundenen (…) österlich versammelt werden – erst dann ist auch mein individuelles Ostern erfüllt und ganz….
(Xaver Pfister: Die Masken des Männlichen – Die Geschichten einer Depression.
Paulus-Verlag. Buchtipp aus PF)

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